Herr Kessler, Digitalisierung ist nicht erst seit der Abstimmung zum E-ID-Gesetz ein Schlagwort, es gibt seit längerem Stimmen, dass man in der Schweiz nicht wirklich digitalisiert sei. Ist der EcoHub da ein Gegenbeispiel?

Ja und Nein. Der EcoHub ist ein wichtiger Schritt zur weiteren Digitalisierung unserer Branche. Wir sehen aber auch, dass es noch viel zu tun gibt. Die IG B2B spielt dabei eine wichtige Rolle, gerade was Standards zum einfachen Datenaustausch und das Anbieten von gewissen Infrastrukturdienstleistungen, wir nennen es die «Essentials» angeht. Der Erfolg vom EcoHub hängt aber davon ab, dass diese Standards und die Infrastruktur von den Mitgliedern und Dritten auch genutzt werden. Die IG ist vor allem Enabler und kann den Mitgliedern die eigentliche Digitalisierung nicht abnehmen.

 

Heisst das, die Komplexität liegt weniger in der technischen Umsetzung als im Konsens?

Ja, vielleicht, wir benötigen für diesen Prozess einen Konsens bezüglich gewisser Spielregeln in einem sehr diversen Umfeld mit vielfältigen Marktteilnehmern und Service Providern. Alles auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, ist eine Herausforderung. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir nur so einen Raum schaffen können der im Markt breit akzeptiert ist und in welchem sich die Mitglieder und Service Provider auch unternehmerisch entfalten und einfach miteinander verbinden können. Die Standards geben uns Freiheiten.

 

In der IG B2B und dem EcoHub sollen sich alle Marktteilnehmer treffen und zusammenarbeiten können. Welchen Stellenwert hat die Plattform selbst für den Schweizer Versicherungs-, Vorsorge- und Brokermarkt?

Einen grossen, wobei in meinen Augen genau hier einer der spannendsten Punkte rund um die Plattform liegt. Es geht nicht nur um die Basisinfrastruktur auf dem EcoHub, sondern darum, was diese auf einer übergeordneten Ebene möglich macht. Gewisse Errungenschaften wie das Single-Sign-On oder den automatisierten Datenaustausch hatten wir ja schon vor dem EcoHub. Dass sie in einem offenen Umfeld angeboten und auch für dritte Dienstleister nutzbar werden, macht den grossen Unterschied.

 

Inwiefern?

Es erlaubt uns, in anderen Dimensionen zu denken. Man kann die Grundfunktionen vielleicht mit einem Service Public vergleichen, Infrastrukturdienstleistungen welche nach klaren Grundsätzen in guter Qualität und zu angemessenen Preisen zur Verfügung gestellt werden und die einzelnen Marktteilnehmer miteinander verbinden. Mit einem offenen und einfachen Zugang zu dieser Infrastruktur können Service Provider und Marktteilnehmer darauf aufbauend unternehmerisch ihre eigenen, individuellen Lösungen erarbeiten und damit schnell für die ganze Branche Mehrwert schaffen. Man kann sagen: Der EcoHub bietet uns unternehmerische Chancen.

 

Die Kessler & Co AG ist international vernetzt, wie sieht der EcoHub im Vergleich mit Lösungen im Ausland aus?

Wir haben eine typisch schweizerische Konsenslösung, und das könnte einer der Erfolgsfaktoren sein. Im Ausland scheint man oft DIE Lösungen gefunden zu haben, um ein zwei Jahre später feststellen zu müssen, dass die Lösung im Markt nicht akzeptiert wird. Aus welchen Gründen auch immer.

 

Ihr Unternehmen hat eine marktführende Position inne – wie ist sichergestellt, dass auch die Kleineren von der Plattform profitieren?

Sicherlich fällt es grösseren Unternehmen leichter, für die Digitalisierung notwendige Investitionen zu einem gewissen Grad selber zu stemmen. Gerade deshalb spielt der EcoHub eine so wichtige Rolle für die gesamte Branche. Alle Teilnehmer können auf die bereitgestellten Services und Software von Drittanbietern zugreifen. Auch für Software-Entwickler ist dieses Umfeld enorm attraktiv. Und dank der Offenheit dieses Systems ist gewährleistet, dass laufend neue Services hinzukommen und man davon profitieren kann. Ohne dass alle Marktteilnehmer ihre eigenen Lösungen entwickeln müssen.

 

Und wie profitiert Kessler vom EcoHub?

Im Tagesgeschäft erleichtern uns die von uns genutzten «Essentials» im EcoHub die Arbeit bereits sehr stark. Für uns ist das aber erst der Anfang, wir haben uns noch viel vorgenommen. Wir haben noch viel Potential in der End-2-End Digitalisierung unserer Abläufe – dank den Möglichkeiten dieser offenen Umgebung und den zur Verfügung gestellten Basisdienstleistungen der IGB2B wollen wir dies realisieren. Dies wird zu Effizienz- und Qualitätsverbesserungen führen, welche auch unseren Kunden und Geschäftspartnern zu Gute kommen.

 

Können Sie den finanziellen Mehrwert von EcoHub für Kessler auch beziffern?

Das könnten wir tatsächlich, wie bei jeder Investition haben wir auch die Einbindung der ersten Kernprozesse in unsere Umgebung einer Kosten-Nutzen-Rechnung unterzogen. Und wie erwartet haben sich die bisherigen Investitionen gelohnt.

 

Tom Kessler ist Managing Partner von Kessler & Co AG und Vorstandsmitglied der IG B2B.